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Veranstaltung: „Fruchtbare Böden – viel mehr als Baufläche! Nutzungskonflikte auf den Tisch“

Das Bündnis Ernährung- und Agrarwende Hessen (BEA) hat am 27.2.2026 zur Vortrags- und Diskussionsveranstaltung‚ „Fruchtbare Böden – viel mehr als Baufläche! Nutzungskonflikte auf den Tisch“, in den Heimathafen nach Wiesbaden eingeladen.

Gesunde und fruchtbare Böden sind eine der wichtigsten Lebensgrundlagen. Ihre ökologische Tragfähigkeit, Regenerationsfähigkeit und ihre nachhaltige Bewirtschaftung sichern unsere Kulturlandschaft, Biodiversität, Grundwasserneubildung und sind die Grundlage der Lebensmittelversorgung. Doch Böden sind ein begrenztes und verletzliches Gut! Flächenversiegelung, Schadstoffbelastungen, Fehlnutzung und der Klimawandel gefährden den Erhalt des Bodens und damit die Ernährungssicherheit für künftige Generationen.

Ziel der Veranstaltung war es, Bewusstsein für die Bedeutung gesunder Böden und unbebauter Flächen für landwirtschaftliche Erzeugung und Ernährungssicherung, Naturschutz, Klimawirkung und Erholung zu wecken. Mit der Veranstaltung war der Aufruf verbunden, sich für den Erhalt der Böden vor Ort einzusetzen und Netzwerke zu initiieren, die sich für die aktuelle und zukünftige Bedeutung der Böden einsetzen. Ziel war es auch, Entscheider aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft zum Dialog über die Konsequenzen des Bodenverlustes einzuladen.

Nach der Begrüßung durch Tim Treis von der „Vereinigung Ökologischer Landbau in Hessen e.V.“ und Sprecher des „Bündnisses für die Ernährungs- und Agrarwende Hessen – BEA“, stellten sich die einzelnen Partner von BEA vor. Anwesend waren Vertreterinnen und Vertreter der Ernährungsräte Gießen (ERGI), Marburg (EMU) und Frankfurt, sowie des BUND Hessen und des Vereins BIONALES.

Im ersten Vortrag beleuchtete Jochen Kramer (Arbeitskreis Landesplanung und Flächenschutz, BUND Landesverband Hessen) das Thema „Bodenschutz und Flächenversiegelung in der Regional- und Bauleitplanung“ und wies darauf hin, dass zwar nicht mehr wie im früheren Umfang zusätzliche Flächen vorgesehen sind. Aber es sind immer noch viel zu viel neue Vorranggebiete für Siedlung, Industrie und Gewerbe in Planung: 5.500 ha!

Anschließend referierte Prof. Lutz Katzschner (Arbeitskreis Klima und Luft, BUND Landesverband Hessen) zum Thema „Freiflächen als Klimaschutzvorsorge“. Er stellte heraus, dass die zentrale Bedeutung von grünen Freiflächen für den Hitzeschutz der Bevölkerung noch nicht ausreichend angekommen sei. Er berichtete von der Klimafunktionskarte des Zweckverbandes Raum Kassel 2020, mit der die thermische Belastung im Verbandsgebiet dargestellt wird. Tatsächlich sollten die Verantwortlichen in Städten und Gemeinden offen kommunizieren, dass neue Bebauung kühlende Luftströme in die Städte abgeriegelt, was in heißen Sommern zusätzliche Menschenleben kostet!

Beim World-Café wurde an folgenden Thementischen heiß diskutiert:

Thementisch 1 „Gemeinwohlorientierte Flächennutzung als Teil der Daseinsvorsorge“ (Moderation: Lara Herrlich und Carola Biaesch)

Zuerst sprachen die Beteiligten über ihr Verständnis des Gemeinwohl-Begriffs. Die Diskussion zeigte, dass es darum gehen muss, die drei Nachhaltigkeitsdimensionen bei wirtschaftlicher Aktivität in Einklang zu bringen. Gerade dürfe es keinen unbedingten Vorrang ökonomischer Interessen geben. Stattdessen müssten gesellschaftliche Leistungen stärker berücksichtigt und gegenseitige Fairness angestrebt werden. Als konkrete Beispiele für gemeinwohlorientiertes Wirtschaften wurden die solidarische Landwirtschaft und die Gemeinwohlökonomie genannt.

Anschließend wurde diskutiert, was aktuell eine gemeinwohlorientierte Flächennutzung verhindert. Es wurden insbesondere ökonomische Problemstellungen angesprochen, beispielsweise die Dominanz des wirtschaftlichen Wachstumsdenkens und Armut der Kommunen, die zum Teil im Zielkonflikt mit den anderen Nachhaltigkeitsdimensionen stehen. Dabei wurden unteranderem die mangelnde Betrachtung von Umweltfolgekosten und Ökosystemdienstleistungen, aber auch Gesundheitskosten genannt. Ein weiterer wichtiger Aspekt war das Thema Politik und Bürgerbeteiligung. Einerseits wurde fehlendes Bewusstsein der Öffentlichkeit angemerkt, andererseits würde Bürgerbeteiligung immer öfter ad absurdum geführt, was nicht nur zu Frustration, sondern auch zu einer Fokusierung auf kurzfristige politische Ziele führen würde. Dieser Konflikt zwischen kurzfristigen Erfolgen und langfristigen Lösungen wurde in Bezug auf die Bekämpfung des Klimawandels besonders hervorgehoben.  

Im Rahmen einer dritten Frage haben die Teilnehmenden Hebel zusammengetragen, die bei der Stärkung einer gemeinwohlorientierten Flächennutzung eine Rolle spielen könnten. Dabei stand das Thema der Bewusstseinsbildung im Vordergrund. Dafür sei die Verwendung von wertfreien Informationen notwendig, die beispielsweise in Schulbauernhöfen oder Gemeinschaftsgärten vermittelt werden könnten. Dies könnte einen Wertewandel, bei dem Verantwortungsübernahme und eine gesunde Fehlerkultur im Vordergrund stehen müssten, fördern. Als weitere konkrete Maßnahme wurde die Übertragung von landwirtschaftlichen Flächen in Stiftungen, Genossenschaften oder ähnliche Modelle genannt. Zu dieser Frage, der konkreten Umsetzung gemeinwohlorientierter Flächennutzung in der Realität der deutschen Wirtschaftslandschaft, wurde eine Folgeveranstaltung gewünscht.

Thementisch 2 „Wenn die landwirtschaftlichen Flächen weg sind, sind sie weg“ –

Steuerungsprozesse clever gestalten (Moderation: Dr. Maren Heincke und Dipl.-Geogr./SRL Wulf Hahn)

Ein kurzer Impuls von Wulf Hahn zum Thema „Flächenverbrauch und Landwirtschaft anhand der B252n“ (Lahntal-Wetter-Münchhausen) zeigte, wie hoch der Flächenverbrauch der Trasse war: 196 ha Eingriffsfläche und 112 ha Kompensationsbedarf. Auf Bundesebene liegt der Flächenverbrauch noch immer bei durchschnittlich ca. 55 ha/Tag und damit deutlich über dem Flächeneinsparziel der Regierung für 2030 von 30 ha und weit entfernt vom Nettonullziel, das zukünftig angestrebt wird. Die Gruppe diskutierte die Idee für die Regionalplanung, dass es Landwirtschaftsschutzgebiete geben sollte. Eine ähnliche Idee hat der Zweckverband Raum Kassel aufgegriffen (Sicherung wertvoller landwirtschaftlicher Böden trotz gewerblicher Entwicklung).

Maren Heincke sprach das Thema Infrastrukturerhalt und Resilienz an, was angesichts von Wetterextremen (Überschwemmungen und Hitzeperioden) auch aktuell besondere Aufmerksamkeit bekommt. Dazu gehört auch die Frage der Daseinsvorsorge und die Sicherung der Lebensmittelversorgung in Krisenfällen (Dtld: Aufmarschgebiert für die Nato, Hunger als Kriegswaffe). Als Instrument einer nachhaltigeren Landwirtschaft diskutierte die Gruppe die „hybride Landwirtschaft“, die sich durch weniger Pflanzenschutz und Dünger auszeichnet. Heike Gerlach aus Wiesbaden nannte das Thema Hitzekranke/tote und die zunehmende Anzahl von Hitzetagen im Rhein-Maingebiet. Hinsichtlich des stetigen Ausbaus der Fernstraße wurde die Frage gestellt, ob wir diesen, angesichts der Verkehrswende, tatsächlich brauchen? Cordula Jakubowski stellte den Flächenbedarf durch Baustraßen in Frage: Warum gibt es kein längsgeteiltes Bauen, bei dem ein Teil der Bauflächen eingespart werden kann?

Thementisch 3 „Flächen effizienter nutzen oder weiter zersiedeln?! Moderation: Dr. Susanne v. Münchhausen

Beim Thementisch 3 wurde festgestellt, dass die derzeitige Flächennutzung nicht nachhaltig ist, und soziale/ökologische Werte kaum eine Rolle spielen. Stattdessen sollte bei der Planung das Gemeinwohl als Oberziel sein. Es wurde das Prinzip der Beweisumkehr vorgeschlagen. Wenn Flächen bebaut werden, dann nur nach Bedarfsnachweis und mit Nutzen-Kosten-Analyse (Folgekostenrechner). Das Bewertungsverfahren sollte anders aussehen als die Steuereinnahmensystematik. Für den städtischen Raum diskutierte die Gruppe das Konzept der „essbaren Stadt“. Auch müsse Stadtbegrünung bei Neuanlage mitgedacht werden. Vertikale Gärten könnten in bestehende Bebauung eingeplant werden. Eine Nutzungskombination wie Agri-Photovoltaik sowie die Umnutzung brachgefallener Gewerbeflächen wurde als Alternative zur Neuflächenerschließung genannt. Außerdem wurden alternative Wohnformen diskutiert, um die durchschnittliche Wohnflächennutzung zu reduzieren. Das kann auch mit positiven sozialen Effekten einhergehen, die der Einsamkeit entgegenwirken. Diverse Flächenkombilösungen (Flächenpooling) wurden als Lösung für Flächeneinsparung diskutiert.

Thementisch 4 „Kampagnenworkshop – Ernährungssicherheit statt Flächenfraß“

Beim Thementisch 4 wurden Ideen für eine Kampagne gesammelt, um das Thema Bodenschutz besser in der Öffentlichkeit und bei den Entscheidern zu verankern und den Boden als wertvolle nicht verwertbare Ressource zu promoten.

In der Zusammenfassung wies Susanne v. Münchhausen darauf hin, dass die gesammelten Ideen gebündelt werden und in die Politik getragen werden sollen. Dazu soll eine Kampagne für den Bodenschutz in Hessen dienen.

Veranstalter waren das Hessische Bündnis für die Agrar- und Ernährungswende BEA mit dem BUND Hessen, NABU Hessen, Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON), Vereinigung ökologischer Landbau in Hessen (VÖL), Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), die Ernährungsräte Gießen, Marburg, Kassel, und Frankfurt mit dem Verein BIONALES – Bürger für regionale Landwirtschaft sowie SlowFood und das Zentrum Bildung und Gesellschaft der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Die Veranstaltung wurde unterstützt durch RegioConsult, Hahn & Dr. Hoppe & Schleicher, Partnerschaftsgesellschaft, Fachagentur für Stadt-, Verkehrs-, Umwelt- und Landschaftsplanung, Marburg.

Text: Wulf Hahn, Lara Herrlich, Susanne v. Münchhausen

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